Montag, 5. Juli 2010

Luis Suárez, dem Uruguayer ein Held, dem Nörgler ein Sündenbock - vom dummen Schrei nach Gerechtigkeit im Fussball


"Held oder Betrüger?" fragt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, "auf Lebenszeit sperren" sinniert die Kleine Zeitung, "Ghana wurde um den Sieg gebracht" resümiert der SPIEGEL und die Sunday Times wähnt "die Hand des Teufels" im Spiel. Wer in der Gegenwart lebt, wird die Szene nie vergessen: Beim Stande von 1:1 zwischen Uruguay und Ghana im Viertelfinale der FIFA-WM 2010 wehrt Luis Suárez in der Nachspielzeit der Verlängerung einen Kopfball von Dominic Adiyiah auf der Linie mit beiden Händen ab. Der fällige Strafstoß wird vergeben, Ghana verliert auch das Elfmeterschießen und Uruguay kommt weiter.

Was folgt, war klar. Oberlehrer mit verdrehtem Gerechtigkeitsempfinden und Moralapostel im Journalistengewand versuchen, den Schmerz des tief im Fleisch sitzenden Stachels eines erfolgreichen uruguayischen Foulspiels mit der Forderung nach Regeländerungen zu lindern.

Berufserfahrene Rechtsanwälte kennen das auch unter Richtern verbreitete Syndrom, die konsequente Anwendung eines bestehenden Regelwerks nicht ertragen zu können. Während der Richter jedoch durch geschickte Ausblendung von Tatsachen und wirklichkeitsfremde Interpretationen von Normen in der Lage ist, seinem Gerechtigkeitsempfinden mit falschen Urteilen Ausdruck zu verleihen, bleibt dem Journalisten als aussenstehendem Rädchen wenig mehr, als "Betrug" zu schreien und Regeländerungen anzumahnen.

Was für ein Schwachsinn. Ich mache es kurz: Wer nicht in der Lage ist, die Früchte einer angemessenen Sanktion zu ernten, hat den Erfolg nicht verdient. Das Team aus Ghana wird die Schuld für die Niederlage auch bei sich selbst gesucht haben, eine Perspektive, die so manchem Spielverderber verstellt ist.

Kommentare:

  1. Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Außer vielleicht, dass jeder - aber auch wirklich jeder Profifußballspieler so gehandelt hätte wie Suárez.

    Und der vorletzte Absatz ist wirklich sehr schön formuliert! :-)

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  2. Rote Karte und Strafstoß = Regelgerecht, nicht mehr und nicht weniger. Die Aussage "Held oder Betrüger" von der FAZ ist wieder mal urtypisch deutsches Journalisten Geschrei.

    Die FAZ hätte, wenn das zwischen DE versus ARG Herrn Klose passiert wäre, geschrieben: "Miro rettet Deutschland das Halbfinale" !

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  3. Wieso sollte Fußball gerecht sein?
    Fußball war noch nie gerecht!

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  4. Natürlich kann man so denken: "die Regeln sind so wie sie sind, und innerhalb dieser Regeln darf man alles für seinen Vorteil ausreizen, mit entsprechenden Konsequenzen."
    Das ist in gewisser Weise legitim, wenn alle diese Vorstellung teilen. Man muss jedoch berücksichtigen, dass sich die Gesellschaft in dieser Hinsicht ganz gewaltig geändert hat, und dass manche nach "alten" und manche nach "neuen" Wertvorstellungen handeln, und dass dann die Gerechtigkeit dahin ist:
    Zu Beginn des Fussballs war es selbstverständlich, dass Fouls unsportlich waren, und nicht erwünscht, manchmal aber im Eifer des Gefechts passieren können. Die Regeln hatten ganz klar zum Ziel, Fouls nicht zuzulassen, und nicht, dem gewieften Foul-Spieler die Möglichkeit zu geben, gezielt zu foulen, und trotzdem am Ende noch einen Vorteil für sich oder seine Mannschaft rauszuholen. Mir ist klar, dass inzwischen ein Grossteil der Profis dieses Verständnis von sportlichem Verhalten nicht mehr hat, und es deshalb fast gerecht zugeht (ausgenommen gegenüber den Spielern die nach altem Ehr-Verständnis spielen). Aber das muss man nicht unbedingt gut heissen, oder? Und wann hat man sich überhaupt auf dieses neue Verständnis "geeinigt"? Auch in anderen Bereichen der Gesellschaft sind die selben Veränderungen bemerkbar: früher hat sich nur arbeitslos gemeldet, wer wirklich keine Arbeit gefunden hat, während heute viele überhaupt kein moralisches Problem damit haben, alle Töpfe anzuzapfen, die irgendwie anzapfbar sind, völlig unabhängig von persönlicher Notlage. Das Leben ist ein Spiel, und alles seine Spielregeln. Überträgt man das vorherrschende Moralverständnis in diesem Forum auf das Strafrecht, dann darf man auch den Mörder nicht moralisch verurteilen: er kannte die Regeln, und vielleicht war's ihm ja wert, dafuer ins Gefängnis zu gehen. Oder: man darf eh alles, wenn man sich nicht dabei erwischen läßt. Moralisch doch kein Problem, denkt doch eh jeder so? Oder nicht? Na ja, wollte nur aufzeigen in welche Richtung diese Denkweise geht. Ich sage nichtmal, dass es nicht (selbst im letztgenannten Extrem) eine funktionierende Gesellschaftsform (ohne jede Moral, nur mit Spielregeln) gibt. Aber mir gefällt die Vorstellung trotzdem nicht. Nichtmal als Atheist...

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  5. Kein Wunder, dass manche Rechtsanwälte einen schlechten Ruf haben...

    Natürlich ist "fußballjuristisch" alles korrekt abgelaufen nach Suarez' Handspiel. Aufgrund dessen, dass es in der 121. Minute passierte, war der Nutzen viel größer als die Strafe für Suarez. Nutzen: statt 0% Wahrscheinlichkeit, ins Halbfinale zu kommen, auf einmal wieder eine kleine aber reelle Chance. Strafe: evtl. Ende der WM für Suarez (die FIFA hat ihn ja dann lächerlicherweise nur für ein Spiel gesperrt), aber die wäre ohne das Handspiel sowieso für ihn zu Ende gewesen.

    Aber genauso wie im wirklichen Leben, wo es Leute gibt, denen juristisch nicht beizukommen ist, aber die sich trotzdem dreist mehr auf Kosten anderer nehmen, als ihnen moralisch zusteht, gibt es solche Leute eben auch im Fußball. Und wenn diese Leute dann auch noch mit Ihren Großtaten herumprahlen...

    Das mit Ballacks 2002er-Aktion ist schon richtig. Irgendwo zwischen einem kleinen taktischen Foul a la van Bommel und Suarez' Aktion befindet sich eben -wie so oft- ein Graubereich, in dem sich Ballack bewegt hat.

    Mit Ihren Argumenten könnte man auch folgende Situation trefflich rechtfertigen: Argentinien hat dreimal ausgewechselt und als deutscher Trainer gebe ich nun Robert Huth den Spezialantrag, Messi unter Inkaufnahme einer roten Karte kaputt zu treten. (Zum Glück haben wir ja so was nicht mehr nötig...)

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  6. ...... Messi unter Inkaufnahme einer roten Karte kaputt zu treten."

    Das Leben ist voller Regeln und die beschränken sich nicht nur auf den Fussballplatz:

    "Das Opfer trug schwere Verletzungen davon: Er litt unter Lähmungen, sein Geruchssinn fiel aus und er musste dreimal operiert werden. Der Täter wurde vom Fußballverband lebenslang gesperrt. In einem ersten Prozess hatte ihn das Amstgericht Kulmbach wegen schwerer Körperverletzung zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Die Anklage wurde nun auf gefährliche Körperverlerletzung geändert, weil die Heilung des Opfers Fortschritte mache und nicht mehr von einer Entstellung gesprochen werden könne, so das Gericht."

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  7. "Das ist in gewisser Weise legitim, wenn alle diese Vorstellung teilen."

    Wer organisiert Fussball spielt, untwerwirft sich freiwillig einem bekannten Regelwerk. Er hat einen Anspruch auf Anwendung dieser Regeln und signalisiert mit seiner Teilnahme am Spielbetrieb sein Einverständnis mit dem Regelwerk und seinen Vorstellungen.

    Das Leben ist leider kein Spiel, sondern ein Dasein, in das man ohne Einverständnis in Bezug auf ein Regelwerk hineingeboren wird.

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  8. Na gut, dann lassen wir dem armen Messi seinen Geruchssinn (obwohl: wenn man sich so von Maradona umarmen lassen muss)...

    Und ebenfalls außerhalb der Fußballregeln verklagen die Ghanaer Herrn Suarez auf Schadenersatz wegen des entgangenen Halbfinals (aufgrund von den südafrikanischen §§ 823, 826 BGB).

    Ist natürlich Unsinn, aber worauf ich hinauswill: es gibt eben im Fußball Aktionen, die regelgerecht geahndet werden, aber trotzdem unsportlich und nicht in Ordnung sind. So wie die vom Herrn Suarez. Und ja, deshalb hat man als Fußballfan das Recht, diesen gefeierten Helden Uruguays nicht zu mögen.

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  9. Na klar hat man das Recht, Suarez nicht zu mögen. Aber ich teile die Einstellung nicht, diesen Helden, der 122 Minuten wirklich alles für sein Team gegeben hat, genau deswegen nicht zu mögen.

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  10. Und Teil dieser Regeln ist, dass Handspiel nicht erlaubt ist. Es ist nicht so, dass Handspiel Teil des Fussballspieles ist, in dem die Regel besagt "wenn Hand gespielt wird (regelkonform), dann passiert dies und das..." Natürlich könnte man das offiziell so festlegen (so wie beim Spielen in's Seitenaus, welches kein Foul darstellt). Aber in den Regeln war Handspiel nie vorgesehen. Nachträgliche "Sanktionsregeln" wurden nur eingeführt, um eine Handhabe gegen das Handspiel zu haben, nicht aber um das Handspiel zu legitimieren. Wie sie sagen: Man einigt sich auf gewisse Regeln. Man einigt sich darauf, nicht mit der Hand zu spielen. Wer dies trotzdem absichtlich tut, ist ein Betrüger ...

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  11. Kern des Betrugs ist eine Täuschungshandlung des Täters. Das unterscheidet Luis Suarez und Diego Maradona.

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  12. Ghanas Matthew Amoah kann das Handspiel von Suarez nicht übel nehmen, sagte er in einem Interview mit BN/De Stern. „Viele Menschen haben mich gefragt, ob ich sauer auf Suarez sei. Aber das bin ich nicht. Ich verstehe genau, warum er es getan hat und wahrscheinlich hätte ich genauso gehandelt. Wir müssen uns an die eigene Nase fassen, weil wir den Strafstoß nicht genutzt haben. Das ist der Grund dafür, dass wir es nicht ins Halbfinale geschafft haben.“

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